Ich suche keine Geschichten. Sie finden mich.

Geschichten lauern mir auf. Manchmal dauert es Monate, ja sogar Jahre, bis sich eine Geschichte in meinem Leben einfindet. Dann beginnen wir zu verhandeln, weil sie ja dringend geschrieben werden will. Ich zu meinem Teil überlege, wie ich sie in ein Buch packen kann. Sie überlegt indessen, wie sie mich am besten ärgert. Denn es ist so, dass eine wirklich gute aber ungeschriebene Geschichte einen nicht mehr aus dem Kopf geht. Diese Geschichte setzt sich neben mich an den Schreibtisch, legt sich neben mich ins Bett, steht an der Kaffeemaschine und ruft immer wieder dasselbe: „Schau mich endlich an. Was machst du jetzt aus mir?“

Verzweifelt suche ich dann nach der Erzählform, danach, zu welchem Zeitpunkt die Geschichte beginnen soll, nach Figuren und Orten, nach Gesichtern der Figuren. In dieser Zeit wird die Geschichte immer aufsässiger, anstrengender, nervtötender. Es gilt, den Anfang zu finden. Mit dem ersten Satz einer Geschichte ist es dann wie mit dem Eintauchen in einen kalten Bergsee. Wenn man es gewagt hat einzutauchen und die ersten Schwimmzüge macht, dann geht es wie von selbst.

Danach muss ich mich auf die Geschichte einlassen, auf die Figuren und deren Charakter. Manchmal passieren dann Dinge, mit denen ich nicht rechne. Die Figuren verselbständigen sich und überraschen mich. Eigenwillige Geschichten sind wundersame Geschichten. Gerade dieses Eigenleben von Figuren ist für mich das Schönste beim Schreiben. Ich weiss deshalb nie, wie eine Geschichte enden wird.





Nominiert mit der bisher unveröffentlichten Reportage
“Hung kämpft für die Kinder”
für den Journalistenpreis “Edition 2010”.